Angebote für Gesundheits- und (Kinder-)Krankenpfleger(-innen), Altenpfleger(-innen), Hebammen sowie Angestellte in pflegerischen Assistenzberufen
Statement der Präsidentin des Deutschen Pflegerates, Marie-Luise Müller
zur Großdemonstration am Brandenburger Tor am 25. September 2008
Die Sparbüchse Pflege ist leer!

Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Manchmal ist die Abstimmung mit Füßen – so wie wir das heute hier machtvoll in Berlin tun – der einzige Weg, die Politik zum Umdenken zu bewegen. Es ist bereits „fünf nach zwölf“ in den Kliniken. Da gibt es nichts zu beschönigen! Wir stehen vor einer Katastrophe!

Die Sparwut der Politik treibt jetzt viele der 2.100 Kliniken in den Ruin. Ein Drittel der Häuser wirtschaftet im roten Bereich. Den Preis zahlen die Patienten!

  • Noch schweigen 17 Millionen Patienten – das geht nicht mehr lange gut! Sie müssen eine sich ständig verschlechternde Versorgung hinnehmen – die Frage ist, wie lange tun sie das noch?
  • Vor zehn Jahren versorgte eine Pflegekraft im Schnitt noch sechs Patienten auf Station, heute sind zwölf Patienten zu versorgen. Naiv, wer glaubt, so etwas bleibe ohne Folgen für die Versorgungsqualität!

Den Preis für die Sparpolitik zahlen aber im höchsten Maße aber wir – die Pflegekräfte. Allein in den vergangenen 10 Jahren sind über 50.000 Stellen in der Pflege verschwunden. Jetzt droht die in Gang gesetzte Arbeitsplatz-Vernichtungsmaschine in den Kliniken weiter auf Hochtouren zu laufen.
Schon sind neue Stellenkürzungen angedroht. Von 20.000 und mehr ist die Rede.

Ab heute muss Schluss sein!

Die Sparbüchse Pflege ist abgrundtief leer. Weitere Plünderungen sind nicht möglich – es sei denn, man will riskieren, dass sich die Patientenversorgung noch weiter verschlechtert.
  • Schon heute wird auf den meisten Krankenhausstationen kein Dienstplan mehr erstellt, ohne dass Kolleginnen und Kollegen dafür Überstunden berechnen.
  • Schon heute verzichten viele Pflegemitarbeiterinnen und Pflegemitarbeiter auf Urlaubs- und Fortbildungstage, um die Arbeit auf Station noch einigermaßen bewältigen zu können.
  • Bereits heute findet Pflege im Krankenhaus im Minutentakt statt und schon heute kommunizieren Ärzte und Pflegende oftmals nur noch per Zuruf miteinander.
  • Zeit für geordnete Gespräche über und mit den Patienten bleibt kaum noch. Zuwendung und fachliche Sorgfalt dem Patienten gegenüber kommen zu kurz. Das ist eine gefährliche Entwicklung.

Die Stimmung ist auf einem noch nie dagewesenen Tiefstand.
Die Krankenkassen unterstellen uns, wir würden die Zustände in den Kliniken dramatisieren. Sollen wir also weiter schweigen? Wir haben 20 Jahre den Mund gehalten.
Nein! Es gibt einen direkten und von vielen Wissenschaftlern belegten Zusammenhang zwischen Personalbesetzung und Versorgungsqualität in den Krankenhäusern.

Die Botschaften werden einfach ignoriert.
  • Die Rechnung ist einfach: Weniger qualifiziertes Pflegepersonal führt zu mehr Pflegefehlern,
  • höheren Infektionsraten und einer steigenden Zahl von anderen Komplikationen.
  • Schwer kranke und vor allem ältere, gebrechliche Patienten stürzen, weil keine Krankenschwester/- pfleger da ist, die ihnen beim Aufstehen aus dem Krankenbett behilflich ist.
  • Wunden werden größer und schmerzhafter, weil es an Personal und Zeit fehlt, sie sachgerecht zu versorgen.

Das ist keine Einbildung, sondern Realität, verehrte Vorstände der großen Krankenkassen in diesem Land.

Pflege in Deutschland sagt NEIN zu einer Politik und Krankenkassenlobby, die einen menschlich hoch angesehenen Beruf bei den Bürgerinnen und Bürgern und bei über zwei Millionen pflegebedürftigen Menschen ruiniert.
    • Wir sagen NEIN zu Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern, die Patienten wie Mitarbeiter krank machen und sie langsam aber sicher ausbrennen lassen.

Unsere Forderung lautet:

Der Spar-Deckel auf den Krankenhausbudgets muss weg. – Die Kliniken brauchen nicht einzelne Finanzspritzen, sondern einen dauerhaften und soliden finanziellen Ausgleich für die steigenden Sach- und Personalkosten. Nur wenn dies geschieht, kann der Stellenabbau in den Kliniken, der vor allem zu Lasten der Pflege geht, gestoppt werden.

Daher muss die Ministerin akzeptieren, dass die von ihr eingebrachten, vom DPR begrüßten 21.000 zusätzliche Pflegestellen zu 100 % zu finanzieren sind. Wir lehnen die 70/30-Regelung ab, wenn dies nicht erfolgt, ist das wohlgemeinte Programm ein Nullsummenspiel gegen abzubauende 20.000 Stellen im Jahr 2009.

Wir Pflegekräfte im Krankenhaus wenden uns auch mit großem Nachdruck gegen ein Fallpauschalensystem, das die Pflegeleistungen in der Vergütung ausgrenzt.

Pflege ist es leid, ständig das Bauernopfer einer falschen Rationierungs- und Kürzungspolitik im deutschen Gesundheitswesen zu sein. Alle Experten sagen voraus, dass in den kommenden Jahren mehr Pflege gebraucht wird, weil es eine steigende Zahl älterer, multimorbider und zum Teil schwer pflegebedürftiger Menschen in Deutschland gibt. Wer soll diese Menschen pflegen, wenn wir junge Menschen durch schlechte Arbeitsbedingungen fern von den Pflegeberufen halten? Wer sorgt in unseren Krankenhäusern nachts für unsere Patienten, wenn keiner mehr in der Krankenhauspflege eine Ausbildung absolvieren will.

Der Deutsche Pflegerat begrüßt die Ankündigung der Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt, in den nächsten drei Jahren 21.000 zusätzliche Pflegekräfte über die Krankenkassen finanzieren zu wollen. Dieses Sofortprogramm, das man uns in Aussicht gestellt hat, darf aber kein Lippenbekenntnis bleiben. Worte helfen uns nicht, wir wollen endlich Taten sehen. Und wenn zusätzliches Geld bereit gestellt wird, dann muss dieses Geld auch tatsächlich bei der Pflege ankommen.

Oft genug haben wir es leider anders erlebt: Zusätzliche Mittel wurden für alles Mögliche verwendet, nur nicht für die Neueinstellung von qualifizierten Pflegekräften.

Pflege will, dass das Krankenhaus ein Ort der sicheren, verlässlichen Versorgung im Krankheitsfall ist, kein Gebilde, in dem es nur darum geht, wo noch was wie gespart werden kann. Wir wollen gute Pflege für jeden Menschen.

Deshalb haben wir uns heute hier versammelt. Und deshalb rufen wir es den politisch Verantwortlichen, die einen Katzensprung von hier entfernt sitzen laut zu: Sorgt endlich für ordentliche Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern und schafft endlich den Budgetdeckel für die Kliniken weg.
ADS . AVG . BALK . BeKD . BDH . BLGS . BFLK . BVG . DBfK . DGF . DPV . VdS . VfAP . VHD . VPU
Deutscher Pflegerat (DPR)
Salzufer 6 | 10587 Berlin