10.07.2026 Arbeitsbedingungen Selbstverwaltung Berufsautonomie Bildung Handlungsfelder Pressemitteilung
Heute. Pflege zählt. Hebammen zählen. Doch: So verliert Deutschland seine Pflege
Countdown: #PflegeImFreienFall #DeutschlandWelchePflegeWillstDu?
Deutscher Pflegerat warnt zur abschließenden Beratung des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes: Das ist eine Reformpolitik, die den Abbau der Versorgung sehenden Auges in Kauf nimmt.
Der Deutsche Pflegerat e.V. (DPR) warnt vor der heutigen abschließenden Beratung des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes im Deutschen Bundestag.
Der Countdown des DPR über die letzten 11 Tage hat gezeigt, was diese Reformpolitik bedeutet: Pflegebedürftige verlieren Unterstützung. Patient:innen erleben weniger Zeit für Pflege, mehr Risiken und Versorgungslücken. Pflegende An- und Zugehörige verlieren Absicherung und sollen zugleich noch mehr Versorgung auffangen. Beruflich Pflegende und Hebammen verlieren faire Bezahlung, Perspektiven und Vertrauen. Einrichtungen verlieren Personal. Das Pflegebudget verliert seine Schutzwirkung. Personalbemessung wird ausgehöhlt und ausgesetzt, Qualitätsstandards werden auf eine gefährliche Mindestversorgung zurückgedreht. Die Professionen der Pflege und der Hebammen werden nicht beteiligt, wenn es um Entscheidungen über ihre eigene Arbeit geht.
So verliert Deutschland seine Pflege- und Hebammenversorgung.
Jeder von uns sollte sich fragen: Ist das die Versorgung, die ich mir wünsche, wenn ich selbst, meine Familie oder Menschen in meinem Umfeld auf Pflege oder Hebammenhilfe angewiesen sind?
Stellen werden nicht nachbesetzt. Pflegedienste nehmen keine neuen hilfebedürftigen Menschen mehr auf. Stationen und Wohnbereiche bleiben unterbesetzt. Hebammenpraxen und Kreißsäle schließen. Die Versorgung rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett bricht weg, Wege zur nächsten Pflege- und Hebammenversorgung werden länger, Familien werden allein gelassen. Angebote verschwinden. Versorgungslücken wachsen. Wer heute den Beruf verlässt, steht morgen nicht wieder bereit. Auch nicht in der nächsten Krise. In einem Versorgungsbereich wird gespart, der andere trägt die Kosten. Es fehlt die Gesamtbetrachtung über die Versorgungsketten hinweg.
Beitragssatzstabilität ist wichtig. Aber sie darf nicht zum alleinigen Maßstab werden. Was nutzen stabile Beiträge, wenn die Versorgung durch die Professionen Pflege und Hebammen wegfällt?
Berufliche Pflege ist keine Reserve – sie sichert Versorgung
Ob GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, Pflegeneuordnungsgesetz, Notfall- und Primärversorgung, Pflegebudget, Personalbemessung oder Leistungsrecht: Die Profession Pflege steht überall im Mittelpunkt der Versorgung. Sie ist die Schnittstelle über Sektorengrenzen hinweg. Hebammen sichern Versorgung rund um Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und frühe Familienphase. Und doch stehen beide Heilberufe politisch zu oft außen vor.
Das muss sich ändern.
Der Deutsche Pflegerat steht dafür, dass diese Expertisen nicht am Rand bleiben, sondern Grundlage politischer Entscheidungen sind.
Der Heilberuf Pflege ist keine Liste abrechenbarer Leistungen. Er hat die Verantwortung für eine komplexe Versorgung:
- Pflege ist eine eigenständige Profession mit eigener Fachlichkeit, eigener Verantwortung und eigenem Beitrag zur Versorgungssicherheit. Pflege ist kein Anhängsel der Medizin.
- Pflege steht für Sicherheit, Stabilität und Lösungskompetenz im Alltag der Menschen. Pflege ist kein Kostenfaktor, den man beliebig kürzen kann.
- Pflege erkennt Bedarfe, steuert Prozesse, sichert Qualität und hält Versorgung dort zusammen, wo andere Systeme längst an ihre Grenzen kommen. Pflege ist nicht bloße Ausführung.
Das Gleiche gilt für den Heilberuf der Hebammen. Er ist eine zentrale Kernprofession der Gesundheitsversorgung und sichert diese in einer besonders sensiblen Lebensphase. Die Kompetenzen von Hebammen müssen verbindlich in Prävention, Beratung, Begleitung, Geburtshilfe, Wochenbett und früher Familienphase genutzt werden.
Trotzdem werden die Expertisen der Professionen der Pflege und der Hebammen politisch zu selten genutzt. Ihr Wert wird zu wenig anerkannt. Das ist, als würde man den Brandschutz erst ernst nehmen, wenn das Haus schon brennt.
Erst der Bedarf. Dann Finanzierung und Struktur
Beim Hausbau kann Finanzlogik ein Maßstab sein – aber nur, solange niemand am Fundament spart und das Dach nicht vergisst. Beides trägt, schützt und sichert das Ganze.
In der Pflege- und Hebammenversorgung reicht eine reine Finanzlogik nicht aus. Denn Pflege und Hebammenhilfe sind selbst Fundament und Dach einer sicheren Versorgung. Sie tragen Menschen in verletzlichen Lebenssituationen, schützen Gesundheit und sichern soziale Teilhabe. Wer hier nur nach Einsparpotenzialen sucht, gefährdet am Ende das ganze Haus: Menschensicherheit, Versorgungsqualität und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Deshalb muss am Anfang jeder Reform die Frage stehen: Welche Pflege, welche Hebammenversorgung und welche Unterstützung brauchen Menschen?
Erst danach können Personal, Finanzierung, Strukturen und Zuständigkeiten ausgerichtet werden. Dieses Einmaleins der Versorgung muss verstanden werden.
Der DPR hat mit seinen Eckpfeilern für ein bedarfsgerechtes und zukunftsorientiertes Gesundheitssystem gezeigt, dass es anders geht: Versorgung muss vom Menschen her gedacht werden – wohnortnah, niedrigschwellig, aufsuchend, vernetzt, präventiv, multiprofessionell, digital unterstützt und sektorenübergreifend.
Ein Gesundheitssystem, das Menschen trägt, braucht die Professionen Pflege und Hebammen im Mittelpunkt mit allen Gesundheitsfachberufen. Es braucht sie im Zentrum der Versorgung und ihre aktive Beteiligung bei Entscheidungen.
Nicht länger über Pflege und Hebammenversorgung ohne die Professionen entscheiden
Über die Zukunft unseres Gesundheits- und Pflegesystems darf nicht länger ohne die Heilberufe der Pflege und Hebammen entschieden werden. Das muss der erste Satz im Pflichtenheft für alle Reformvorhaben sein.
Wer Versorgung sichern will, muss Pflege und Hebammenversorgung stärken: mit Kompetenzen, die genutzt werden, mit Strukturen, die Versorgung ermöglichen, und mit verbindlicher Mitgestaltung statt politischer Randbeteiligung.
Der DPR fordert Bundesregierung und Bundestag auf:
- das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz in dieser Form nicht zu beschließen,
- alle Reformen gemeinsam zu prüfen und verpflichtende Versorgungsfolgenabschätzungen einzuführen,
- Personalbemessung im Krankenhaus und in der Langzeitpflege verbindlich zu sichern,
- Pflegebudgets verbindlich zu sichern und bedarfsgerecht weiterzuentwickeln,
- Tarifsteigerungen vollständig, verlässlich und basiswirksam für alle zu refinanzieren,
- pflegende An- und Zugehörige sozial abzusichern und zu entlasten,
- beruflich Pflegende und Hebammen im Beruf zu halten, neue Mitarbeitende zu gewinnen und Berufsrückkehrer:innen den Weg zurück zu erleichtern,
- die Heilberufe der Pflege und Hebammen als tragende Stimmen der Versorgung verbindlich an allen sie betreffenden Entscheidungen zu beteiligen,
- Versorgung konsequent nach Kompetenz und anhand der Versorgungsketten zu organisieren.
Deutschland steht vor einer Entscheidung: Sollen die Professionen Pflege und Hebammen weiter geschwächt werden? Oder wird endlich anerkannt, dass Pflege und Hebammenversorgung die Versorgung der Bevölkerung sichert?
Pflege zählt. Hebammen zählen. Versorgung zählt. Stabile Beiträge allein nutzen nichts, wenn niemand mehr da ist, der pflegt und die Hebammenversorgung wegbricht!
Anlage: Countdown-Grafik Tag 0: „So verliert Deutschland seine Pflege.“
Weitere Information:
Countdown des Deutschen Pflegerats zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz und insgesamt zur Reformpolitik – #PflegeImFreienFall #DeutschlandWelchePflegeWillstDu?
Dazu auch: Eckpfeiler des Deutschen Pflegerats für ein zukunftsorientiertes Gesundheitssystem.
www.deutscher-pflegerat.de
Bisher erschienen:
Tag 10. „Pflegebedarf wird weggerechnet“
Tag 9. „Angehörige pflegen. Die Bundesregierung kürzt ihre Rente.“
Tag 8. „Der Personalmangel wird zum Maßstab.“
Tag 7. „Pflegepersonal fehlt. Die Bundesregierung bremst dessen Bezahlung.“
Tag 6. „Prävention versprechen. Pflegekompetenz ausbremsen.“
Countdown angehalten. „Zeit zum Nachdenken.“ Deutscher Pflegerat veröffentlicht Eckpfeiler für ein zukunftsorientiertes Gesundheitssystem
Tag 5. „Ein Sektor spart. Der nächste bricht ein.“
Tag 4. „Pflegepersonalbedarf wird wieder unsichtbar. Es gilt nur das Mindestmaß.“
Tag 3. „Das Pflegebudget wird begrenzt. Personalabbau kehrt zurück.“
Tag 2. „Die Bundesregierung spart. Die Rechnung kommt zurück.“
Tag 1: „Was nutzen stabile Beiträge, wenn niemand mehr da ist, der pflegt?“
Download Eckpfeiler eines zukunftsorientierten Gesundheitssystems
Ansprechpartner:innen
Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats
Michael Schulz, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Telefon: 0151 650 617 86 | E-Mail: m.schulz@deutscher-pflegerat.de
